Juli bis Dezember 2021

WAHLWEISE

Ein Ausstellungsprojekt in Worpswede – kuratiert von Raimar Stange (Berlin)

6. August – 26. September 2021

Wahlplakate, Flugblätter, Videos, Malerei, Musik und Objekte

von


Claus Föttinger | Peter Friedl | Dieter Froelich | Beat Gipp | Susanne Giring  | Bhima Griem | Eva Grubinger | Christine & Irene Hohenbüchler | Christian Jankowski | Shila Khatami | Andreas Koch | Martin Krenn | Almut Linde | Catherine Lorent | Olaf Metzel | Anna Meyer | Marina Naprushkina | Peter Niemann Dan Perjovschi | Oliver Ressler | Martin Schepers | Markus Schinwald | Christine Schulz | Joulia Strauss | Matthias Sturm | Andreas Templin | Marie S. Ueltzen | Stefanie von Schroeter | Silke Wagner | Hans Winkler | Jost Wischnewski | Johannes Wohnseifer | Christine Würmell



Galerie KW/Randlage

in Kooperation mit

Künstler:innenhäuser Worpswede

Kunst- & Atelierprojekt haus6


Raumansichten

Galerie KW/RANDLAGE

Peter Friedl.

Stefanie von Schroeter, Tischgebet I.,2021, Installation: Bedruckte Tischdecke, Gartentisch, Vase, Kunstblumen, ca.100x100x70cm (Vase, Unicat, ca. 7x7x33 cm) 

Marie S. Ueltzen, Angst schafft Zukunft, 2021, 147 x 116 cm, Schurwolle, Acryl, Jute.

Temporäres Tafelbild, KW/Randlage, 2021: Mit Kreide übertragene Zeichnungen von Dan Perjovschi, ca. 280 x 340 cm 

Markus Schinwald, „Für H. Eisler“, Digitale Karte mit Musik, ca. 21x15 cm, Stück Seife mit Aufdruck „Wählt links“, 2021, courtesy the artist / Raumansicht KW/Randlage

Raumansichten haus6

Bar Bhima Griem, Okkupation Claus Föttinger, 2021

Raumansichten
Projektraum Künstler:innenhäuser Worpswede in der
Großen Kunstschau

Raumansichten
Zelt auf der Wiese Künstler:innenhäuser Worpswede

VORAB

Von Volker Schwennen
Festivalkurator


Die meisten denken wahrscheinlich zunächst an den Bohémien Henri de Toulouse-Lautrec, wenn es um Plakatkunst geht. Immerhin war es dieser Maler, der die Farblithografie und den sogenannten Drei-Steine-Druck nutzte, um zunächst Werbung beispielsweise für die berühmte Vergnügungsstätte wie das Moulin Rouge zu machen. Er schuf nicht nur eine neue Ästhetik, sondern stellte den einzelnen Menschen, wie die Tänzerin Jane Avril und den Sänger Aristide Bruant (der mit dem roten Schal), und deren Lebensverhältnisse in den Vordergrund. Mit seinen Plakaten, die das Nachtleben rund um Montmartre auf eigensinnige Weise dokumentiert, hat er bis heute an Bedeutung nichts eingebüßt.

In der Gegenwart ist den meisten Klaus Staeck bekannt, der nicht aus Versehen Plakatkünstler genannt wird. Es gab Zeiten, da fand sich wohl in jeder Studierendenwohnung irgendwo ein Plakat von ihm wieder. Er gehört bis heute zu den politischen Kunstschaffenden, die eindeutig Stellung beziehen, welche die konservativen und rückwärtsgewandten Zeitgenoss:innen vorführen, die prekären sozialen Verhältnisse anprangern. Er bedient sich ganz in der Tradition eines John Heartfield der politischen Satire und manche Grafik von ihm hat bis heute an Aussage nichts eingebüsst, so, wenn man an das Dürer-Bildnis der Mutter denkt, versehen mit dem Zusatz: „Würden Sie dieser Frau eine Wohnung vermieten?“ Mit seiner Edition Staeck war es ihm nicht nur möglich, Plakate und Postkarten in hohen Auflagen drucken zu lassen, sondern auch für kleines Geld zu verkaufen, was zu einer enormen Verbreitung führte. Seine Edition kann durchaus als einzigartig angesehen werden und vor allem seine Multiples von Joseph Beuys, Wolf Vostell, Nam June Paik, Daniel Spoerri oder Panamarenko machten den streitbaren und immer mal wieder verklagten Künstler und Rechtsanwalt Staeck bekannt. „Wenn ich irgendwo Ungerechtigkeit wittere, will ich etwas dagegen tun“, sagte er einmal und bezeichnet sich gerne selbst als „Störer“. Und ein Teil der Kunst ist gewiss die Störung.

Die normale, gefällige Sicht wird durch manches Werk gestört, denn Kunst kann und soll neben all den ästhetischen Kriterien auch zum Nachdenken anregen, kann Unsichtbares sichtbar machen, kann einen auf neue Gedanken bringen. Daher habe ich auch der Stipendienstätte Künstler:innenhäuser Worpswede vor einigen Jahren einen Slogan und ein Plakat gestaltet: „Bitte nicht stören!“ mit einem kleinen Sternchen versehen und dem nachfolgenden Hinweis: „Denn das ist unser Job.“ Die aus aller Welt in die Stipendienstätte kommenden Kunstschaffenden produzieren dort Werke, arbeiten, sind selbst keine Ausstellungsstücke, sondern schaffen diese. Und im besten Falle stören diese das Gewohnte, Gefällige und Einfältige.

Das 2. Randlage Artfestival sollte bereits im vergangenen Jahr unter dem Leitmotiv „Wahlverwandtschaften“ stattfinden, wurde wegen der Covid-19-Pandemie jedoch auf 2021 verschoben. Da in diesem Jahr neben der Bundestagswahl und den niedersächsischen Kommunalwahlen plötzlich reale „Wahlen“ stattfinden sollten, luden wir Raimar Stange ein, in Worpswede ein Ausstellungsprojekt zu kuratieren. Für „Wahlweise“ wurden von ihm Künstler:innen angesprochen, ein Wahlplakat oder Flugblatt zu gestalten. Wenngleich er diese bat, Stellung zu den Themen „Wahlen und Demokratie“ zu beziehen, waren sie frei in dem, was sie lieferten. Heraus kam eine bunte Mischung aus klaren Statements wie Marina Naprushkinas „Wähle die, die nicht wählen dürfen“ oder Shila Khatamis „The daughter of an immigrant!“, subtil Verstörendes und Hintergründiges wie das gestickt-gemalte Jute-Plakat „Angst schafft Zukunft“ von Marie S. Ueltzen, humoristisch-aggressives wie Olaf Metzels „Bla Bla Club“, etwas subtiler Almut Lindes „Wähle Erdbeeren“ oder Systemkritisches wie Wohnseifers „Sneakers“-Plakat oder Eva Grubingers Frage „Willst du von Robotern regiert werden – ja/nein/ja/nein ...“.

Mit ergänzenden weiteren Werken wie Zeichnungen von Peter Friedl oder Dan Perjovschi, Videos von Oliver Ressler oder Objekten von Jost Wischnewski, Stefanie von Schroeter, Markus Schinwald, mit Bhima Griems fahrbarem „Wahlstand“ oder Claus Föttingeres „Wahlbar“ als temporäre Okkupation eines bestehenden Barprojekts erfährt die Ausstellung eine weitere besondere Note.

August 2021

Überlegungen zu künstlerischen Plakaten, Flugblättern und Ähnlichem

Von Raimar Stange
Kurator „Wahlweise“

„Für die Räterepublik“ schreibt Hans Hs Winkler auf sein Wahlflugblatt „o.T.“, dazu ist ein Porträtfoto von Erich Mühsam abgebildet, dem anarchistischen Politiker und Schriftsteller, der 1919 an der Ausrufung der Münchner Räterepublik maßgeblich beteiligt war und 1934 im KZ Oranienburg von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Mit seiner Arbeit erinnert Hans Hs Winkler daran, dass die Demokratie und ihr Prinzip der freien Wahlen beileibe nicht die einzige Möglichkeit einer freiheitlichen und basisdemokratischen Staatsform ist. Als Form der „Assembly“ erleben gerade heute der Räterepublik sehr ähnliche Strukturen eine Renaissance in linken und anarchistischen Praktiken und Diskursen.

Die Erinnerung an die Räterepublik – die übrigens in Deutschland sehr blutig und alles andere als demokratisch schnell wieder abgeschafft wurde – und das Bedenken von Assemblys ist gerade jetzt wichtig, leben wir doch heute eben nicht mehr in einer Demokratie, sondern in einer „Postdemokratie“, wie es der US-amerikanische Colin Crouch nennt. In der Postdemokratie existieren zwar alle demokratischen Organe (noch), aber sie funktionieren längst nicht mehr. So haben die Global Player und ihre Lobbyisten im Spätkapitalismus des 21. Jahrhunderts wesentlich mehr Macht als demokratische (nationale) Regierungen, auch weil in „unseren“ Demokratien eine politische Elite regiert, die allzu oft allzu eng mit der Wirtschaft verbandelt ist – Stichworte: „Nebeneinkünfte“ und „Korruption“ – und zudem in vielen Sachfragen reichlich inkompetent ist; beides begründet dann u. a. die Macht der Lobbyisten, deren „Rat“ nötig erscheint.

Die repräsentative Vertretung durch diese politische Elite erweist sich zudem als höchst problematisch, sind doch breite Teile der Bevölkerung – z.B. Frauen, Junge, queere Gruppen, Menschen mit Migrationshintergrund, „sozial Schwache“ – hier deutlich unterrepräsentiert beziehungsweise überhaupt nicht vertreten. Auch der Modus der Wahl, der Demokratie gewissermaßen auf einen nur alle (vier) Jahre wieder ausgeführten Akt reduziert, führt zu einem „demokratischen Ermüdungssyndrom“ (David van Reybrouk), dessen Folgen u.a. die stetige Abnahme der Wahlbeteiligung und das dramatische Schrumpfen der einstigen „Volksparteien“ sind.

Auch darum werden heute zentrale politische Probleme, wie vor allem die Klimakatastrophe, eben nicht mehr von Parteien und Regierungen, sondern in erster Linie von außerparlamentarischen Gruppen und NGOs verhandelt. Der Wahlkampf schließlich – er ist der Anlass für die Ausstellung „Wahlweise“ –, der demokratischen Wahlen heute vorangeht, ist verkommen zu einer reinen Personalityshow, in der thematische Diskussionen so gut wie keine Rolle mehr spielen, die kommerziellen Medien dafür umso mehr. „Mündige Bürger“ sind da nicht mehr gefragt. Strafverschärfend kommt bei diesem Prozess der „Dedemokratisierung“ hinzu, dass die von der neoliberalen Globalisierung verursachten sozialen Entwertungen und „lebensweltlichen“ Verunsicherungen weiter Bevölkerungsschichten zu einem Erstarken eines rassistisch-nationalistischen Rechtspopulismus geführt haben: Seit 2017 sitzt erstmals eine faschistoide Partei im Deutschen Bundestag und wird wohl auch bei dieser Wahl den Einzug in diesen schaffen. Viele der gerade von mir aufgezählten Aspekte werden dann auch in den in „Wahlweise“ gezeigten und verteilten Plakaten und Flugblättern angesprochen. Vor allem das Problem der Klimakatastrophe verstört viele der hier beteiligten Künstler und Künstlerinnen.

Almut Linde fordert daher in ihrem Beitrag „o.T.“ die Wahl der Erdbeere. Nicht nur zitiert sie hier einen bekannten Ausspruch der Documenta 13-Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev (sie forderte ein Wahlrecht für Bienen und Erdbeeren), sie spielt auch an auf die Entwicklung, Tiere und Pflanzen in einen neuen „Naturvertrag“ (Michel Serres) als juristische Personen aufzuwerten – so geschehen 2012 in Ecuador. Der Regenwald, seine Natur und seine indigenen Völker sollen mit diesem Gesetz vor den Global Playern geschützt werden, welche mit ihrer rücksichtslosen Ausbeutung der dortigen Ressourcen gnadenlos die Lebensgrundlagen der Lebewesen gefährden. Marina Naprushkinas Plakat spielt genau auf dieses Gesetz an, wenn sie postuliert „Wählt die, die nicht wählen dürfen“. In diesem Sinne stellen auch Christine & Irene Hohenbüchler auf ihrem Plakat klar: „We do have the same democratic needs, the air we breathe, all of us creatures, all of us living beings, all of us stones“. Und Catherine Lorent witzelt: „Die Qualle und der Wal“, die bei ihr eindeutig an die Stelle von „Qual der Wahl“ getreten sind.

Von fortschreitender Politikverdrossenheit und den vielerorts anhaltenden „demokratischen Ermüdungssyndromen“ (s.o.) zeugt zum Beispiel Olaf Metzels Plakat „o.T.“, das da vielsagend von einem „Bla Bla Club“ spricht. Provokant fragt Eva Grubinger in diesem Kontext: „Wollt ihr von Robotern regiert werden?“. Auch deswegen fordert Susanne Giring so etwas wie eine „tabula rasa“ und Marie S. Ueltzen gesteht, bewusst „schwarz-weiß ausgemalt“, angesichts des bedenklichen Status Quo der Demokratie: „Angst schafft Zukunft“. Währenddessen konstatiert Andreas Koch, das Publikum beschimpfend, resigniert: „Stimmvieh macht auch Mist“; diesen „Mist“ macht dieses nämlich in eben der „Blindwahl“, von der Matthias Sturm dann in Blindenschrift auf seinem großformatigen Plakat schreibt. Hinsichtlich dieser Gemengelage weint dann auch die postpoppig-bunt gezeichnete „Wahlsphinx“ mit ihren regenbogenfarbigen (!) Flügeln von Anna Meyer und denkt an die vielen ungelösten Probleme wie „Corona Crisis“, „Fempolitik“ und „Global Crisis“. Ausdrücklich die Wahl thematisiert Peter Niemann, wie immer zynisch-larmoyant: „Wählt alle“ (Parteien). Genauso zynisch gibt sich Bhima Griems Flugblatt: „ … erste welt problemfrei, wählt eine bestehende partei!“ ist da zu lesen, im Hintergrund erscheint eine sommerlich fröhliche Badeszenerie. Andreas Templin ruft daher explizit dazu auf, die CDU nicht zu wählen, Dieter Froelich dagegen bekennt, warum er trotz allem die SPD wählen wird.

Aktivistischen Wahlkampf gegen einen einst amtierenden Präsidenten der USA macht die argentinische Fußball-Ikone Maradona auf Christine Würmells Arbeit „Bollocks was it the Hand of God“, trägt er doch ein T-Shirt mit der Aufschrift „Stop Bush“, wobei das „S“ als Hakenkreuz dargestellt ist. Ganz anders wiederum Beat Gipp, der dazu auffordert, das Kunst- und Atelierprojekt in Worpswede, das Haus6, zu wählen, um „lebende KünstlerInnen“ zu unterstützen. Auch Christine Schulz denkt in diese Richtung und mahnt an: „pay the artist“. Klingt gut – wenn da nicht Johannes Wohnseifer wäre, dessen minimalistisch stilisierter Wahlzettel nur eine Option lässt, nämlich die Auswahl von mehr oder weniger unterschiedlichen Sneakers …

Politisch engagierter Kunst wird immer wieder vorgeworfen, sie sei ideologisch und würde die Kunst instrumentalisieren. Dieses ist in mindestens zweierlei Hinsicht nicht richtig: Zum einen ist politisches Aussagen nicht immer gleich ideologisch, sondern besitzt, gerade im Kontext von Kunst, vor allem kritisches und emanzipatorisches Potenzial. Und zum anderen arbeiten engagierte Künstler und Künstlerinnen im besten Sinne des Wortes frei/willig, ja gerne und mit Überzeugung. Und sie wehren sich stets dagegen, dass ihre Werke instrumentalisiert werden. Ein gutes Beispiel hierfür ist Peter Friedls Arbeit „o.T.“, 2013: Die Arbeit auf Papier zitiert ein Wahlplakat, das John Heartfield 1930, also in der Weimarer Republik, für die Kommunistische Partei gestaltet hatte. Auch als Titelblatt für die „Arbeiter-Illustrierte-Zeitung“ fungierte das Motiv damals. Jedweden Ideologieverdacht vorbeugend übersetzt der dreifache Documenta-Teilnehmer das Motiv dabei in ein ein wenig unbeholfen anmutendes Aquarell und macht zudem aus dem Wort „Freiheit“ vielsagend das Wort „Freizeit“. Der Slogan der Kommunistischen Partei „Für Brot und Freiheit“ wird also im Rahmen unserer „Spaßgesellschaft“ aktualisiert und kritisch gegengelesen – so allerdings passt er dann in keine Parteidoktrin, denn mit der Aussage „Freizeit statt Freiheit“ lässt sich wohl (noch) keine Wahl gewinnen.

Übrigens: Schon „Das Schwarze Quadrat“, 1915, von Kasimir Malewitsch, ein „Ahnherr“ der abstrakten Kunst, war nicht zweck- und politikfrei. Im Gegenteil: „Das Schwarze Quadrat“ stellt nichts als ein schwarzes Quadrat dar, repräsentiert und vertritt also nur sich selbst und muckt so auf gegen (politische) Systeme, in denen Andere, oftmals Untertanen – hier zum Beispiel von einem Zar – repräsentiert und vertreten werden. Eben deshalb ist „Das Schwarze Quadrat“ damals auch als Banner auf Demonstrationen gezeigt worden.

Ebenso werden Rassismus und Rechtspopulismus in den Exponaten angesprochen, so etwa in Shila Khatamis Plakat „The daughter of an immigrant!“, mit dem sie selbstbewusst zu ihrem Migrationshintergrund steht und dem Rassismus die Stirn bietet. Martin Schepers erzählt in seinem doppelseitigen Flugblatt dann von einer eigenen schmerzhaften Begegnung mit einem jungen Neonazi in der „ostdeutschen Provinz“. Und Stefanie von Schroeter stellt einen Aufkleber der AFD, der noch heute im Internet bestellt werden kann, in den Fokus. Auf diesem verstörenden „Wahlkampfmittel“ behauptet die faschistoide Partei absurderweise: „Hans und Sophie Scholl Wir würden AFD wählen“. In einem so destruktiven wie gleichzeitig überaffirmativen Akt hat Stefanie von Schroeter das Bild der beiden Widerstandskämpfer dann in lila (!) Farbe durchgekreuzt. Gleichsam positives Denken gegen dumpfen Rechtspopulismus führt Jost Wischnewski vor, wenn er auf seiner Fotoarbeit mahnt „Europa denken“ und so dem Nationalismus und dessen Grenzen eine klare Abfuhr erteilt. Oliver Ressler und Martin Krenn dagegen betonen in ihrem Plakat „No Title (EU Poster Project)“ die nationalistische Qualität der EU und klagen an: „Das Herrschaftsverhältnis Kapitalismus legitimiert sich über gegensätzliche Ideologien: auf der einen Seite der universalistische Anspruch der Leistungsgesellschaft, auf der anderen Rassismus und Sexismus“. Über diesen systemkritischen Worten leuchtet scheinheilig der Sternenkranz der EU-Mitgliedstaaten. Eben darum stellt Silke Wagner klar: Mit dem symbolträchtigen Regenbogen auf ihrem Flugblatt sympathisiert sie offensiv mit sexueller Freiheit, Diversität und Weltoffenheit.

Das Organisieren der Ausstellung „Wahlweise“ erwies sich übrigens als ein Hybrid von Kuratieren und repräsentativer Umfrage. Kuratiert habe ich hier insofern, also ich die Teilnehmenden dieser Ausstellung zusammengestellt und manchmal sogar um eine bestimmte Arbeit gebeten habe. Und um eine Umfrage handelt es sich, weil ich die Kunstschaffenden darum gebeten habe, eine Stellungnahme zu „Wahlen und Demokratie“ abzugeben. Alle hatten somit eine Carte Blanche, weitergehende inhaltliche Vorgaben gab es nicht. Repräsentativ ist diese Umfrage, da ich bei meiner Auswahl darauf geachtet habe, dass alle möglichen Milieus der Kunstszene vertreten sind: das Spektrum reicht von sehr bekannten Kunstschaffenden bis zu solchen, die gerade ihr Studium beendet haben, also auch Ältere und Jüngere sind dabei, männliche und weibliche in nahezu ausgewogener Anzahl, „Galeriekünstler/innen“ wie aktivistisch Arbeitende, vermeintliche „Hobbykünstler“ sind vertreten, welche mit Migrationshintergrund … Der Deutsche Bundestag, wie gesagt, leistet eine solche in der Soziologie als „deskriptiv“ bezeichnete Repräsentation leider nicht.   

gefördert von

© Copyright 2021 KW/Randlage - All Rights Reserved

Impressum | Datenschutz | Kontakt